Ich habe ADHS – wie geht es jetzt weiter?
Im letzten Beitrag habe ich geschrieben: Die Diagnose ist der Anfang, nicht das Ende.
Aber wenn die erste Erleichterung, die vielen Gedanken über die Vergangenheit und vielleicht auch der Schmerz langsam etwas nachlassen, stellt sich irgendwann eine ganz praktische Frage:
Und was mache ich jetzt mit dieser Diagnose?
Muss ich mein ganzes Leben umkrempeln? Brauche ich Medikamente? Eine Therapie? Coaching? Muss ich plötzlich jeden Tag Sport machen, meditieren, To-do-Listen schreiben und meinen kompletten Alltag neu organisieren?
Wenn du gerade erst deine Diagnose bekommen hast, kann allein diese Liste schon wieder überfordern.
Deshalb möchte ich dir zuerst etwas sagen:
Du musst jetzt nicht dein ganzes Leben auf einmal verändern.
ADHS begleitet dich wahrscheinlich schon dein ganzes Leben – ohne dass du davon wusstest. Du musst nicht innerhalb von vier Wochen lernen, perfekt damit umzugehen. Und ganz ehrlich – den perfekten Umgang gibt es gar nicht. Nicht in vier Wochen und vermutlich auch nicht in einem Jahr.
Du wirst vieles ausprobieren. Manche Dinge werden bei dir funktionieren, andere wiederum nicht. Nicht, weil du etwas falsch machst, sondern einfach, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Und ADHS eben nicht einfach das eine ADHS ist.
Was für mich funktioniert, muss für dich noch lange nicht funktionieren. Und was dir heute hilft, kann in einem Jahr vielleicht schon wieder ganz anders aussehen.
Es geht nicht darum, die perfekte Lösung für dein ADHS zu finden. Es geht darum, herauszufinden, was für dich funktioniert.
Welche Unterstützung kann dir jetzt helfen?
Es gibt eine unheimliche Flut an Informationen zum Thema ADHS.
Es gibt Bücher und Podcasts. Videos und Beiträge in den sozialen Netzwerken. Erfahrungsberichte, Selbsthilfegruppen, Coachings und Therapien. Es gibt Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie und die unterschiedlichsten alternativen Ansätze. Und natürlich gibt es unzählige Meinungen von Menschen, die ganz genau zu wissen glauben, was man mit ADHS unbedingt tun – oder auf keinen Fall tun – sollte.
Gerade nach einer Diagnose kann diese Informationsflut ziemlich überwältigend sein.
Wo soll ich anfangen?
Was davon hilft wirklich?
Und was davon passt überhaupt zu mir?
Um dir ein bisschen Orientierung in diesem Dschungel zu geben, habe ich dir hier ein paar Möglichkeiten zusammengestellt, die dir auf deinem weiteren Weg helfen können.
Nicht als To-do-Liste, die du jetzt Punkt für Punkt abarbeiten musst.
Und vor allem nicht in einer bestimmten Reihenfolge.
Denn deinen Weg mit ADHS musst du nicht nach irgendeinem vorgegebenen Plan gehen.
Psychotherapie – verstehen, was hinter deinen Schwierigkeiten steckt
Eine meiner ersten Empfehlungen wäre, dir psychotherapeutische Unterstützung zu suchen – wenn möglich bei jemandem, der wirklich Erfahrung mit ADHS hat.
Gerade eine Verhaltenstherapie kann dabei helfen, eigene Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen und einen anderen Umgang damit zu entwickeln.
Ich möchte dir aber auch gleich etwas mitgeben, damit du nicht frustriert bist, wenn du dich auf die Suche machst:
Es kann schwierig sein, einen geeigneten Therapieplatz zu finden.
Gerade bei Therapeutinnen und Therapeuten, die auf ADHS spezialisiert sind, können die Wartezeiten lang sein.
Lass dich davon nicht entmutigen.
Und vor allem: Du musst dein Leben nicht auf Pause stellen, bis irgendwo ein Therapieplatz frei wird.
Es gibt noch andere Dinge, mit denen du bereits anfangen kannst.
Wenn Medikamente für dich ein Thema sind
Medikamente können für Menschen mit ADHS eine Möglichkeit sein – sie sind aber nicht der eine Weg, den jeder gehen muss.
Wenn du darüber nachdenkst, ob eine medikamentöse Behandlung für dich infrage kommt, wende dich in Deutschland an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder Nervenheilkunde mit Erfahrung in der Behandlung von ADHS. Die medikamentöse Behandlung sollte durch entsprechend qualifizierte Fachärztinnen und Fachärzte begonnen und begleitet werden.
Dort kannst du deine Fragen stellen, mögliche Vor- und Nachteile besprechen und gemeinsam überlegen, ob und welche Behandlung für dich sinnvoll sein könnte.
In der Schweiz ist das anders: Eine ADHS-Medikation muss nicht zwingend durch eine Psychiaterin oder einen Psychiater begonnen werden. Auch andere entsprechend erfahrene Ärztinnen und Ärzte können eine medikamentöse Behandlung übernehmen. Voraussetzung ist eine fachgerecht gestellte ADHS-Diagnose und die Behandlung sollte Teil einer therapeutischen Gesamtstrategie sein.
Auch bei der Medikation gilt:
Es ist deine Entscheidung und dein Weg.
Du musst keine Medikamente nehmen, um dein ADHS „richtig“ zu behandeln. Genauso wenig solltest du dich dagegen entscheiden, nur weil andere Menschen schlechte Erfahrungen gemacht haben oder Medikamente grundsätzlich ablehnen.
Informiere dich, lass dich fachlich beraten und finde heraus, was für dich passt.
Such dir Menschen, denen du nichts erklären musst
Dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen.
Tausch dich mit anderen Menschen mit ADHS aus.
Wenn du jemanden kennst, der ebenfalls ADHS hat und dem du vertraust, sprich mit ihm darüber.
Du musst nach deiner Diagnose nicht sofort jedem erzählen, dass du ADHS hast. Wem du davon erzählst, entscheidest allein du.
Aber es kann unglaublich guttun, mit einem Menschen zu sprechen, der bei manchen Dingen nicht erst eine zehnminütige Erklärung braucht, um zu verstehen, wovon du eigentlich redest.
Falls du niemanden kennst – oder zusätzlich Austausch möchtest –, kann eine Selbsthilfegruppe eine tolle Möglichkeit sein.
Für mich persönlich war diese Erfahrung etwas ganz Besonderes.
Ich hatte dort zum ersten Mal das Gefühl, Dinge einfach aussprechen zu können, ohne vorher im Kopf zehnmal durchzugehen:
Kann ich das jetzt wirklich sagen?
Wie kommt das an?
Was denken die anderen über mich?
Ich musste mich weniger verstellen. Weniger erklären. Weniger maskieren.
Und dann sitzt dir plötzlich jemand gegenüber und sagt:
„Ja. Kenne ich.“
Dieses Gefühl, mit bestimmten Schwierigkeiten nicht allein zu sein, kann unglaublich entlastend sein.
Coaching – dein Leben an dich anpassen, nicht dich an dein Leben
Und dann gibt es noch einen Bereich, der für mich persönlich eine ganz besondere Bedeutung hat: Coaching.
Coaching ist sehr praktisch.
Es geht nicht nur darum zu verstehen, warum etwas passiert, sondern vor allem darum:
Was kann ich konkret verändern?
Wie kann ich meinen Alltag so organisieren, dass er zu meinem Gehirn passt?
Wie kann ich mit Situationen umgehen, an denen ich bisher immer wieder gescheitert bin?
Welche Strukturen helfen mir wirklich – und welche funktionieren nur auf dem Papier?
Wie kann ich mein berufliches oder privates Umfeld so gestalten, dass es mich unterstützt, statt mich ständig zusätzliche Kraft zu kosten?
Dabei geht es für mich ausdrücklich nicht darum, einen Menschen mit ADHS möglichst gut an eine neurotypische Welt anzupassen.
Du hast vielleicht schon dein ganzes Leben versucht, dich anzupassen.
Dich zusammenzureissen.
Dich zu organisieren wie andere.
Dich zu verstellen.
Zu funktionieren.
Zu maskieren.
Coaching sollte daraus nicht einfach die nächste Runde machen.
Es geht nicht darum, aus dir einen anderen Menschen zu machen.
Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, wie du dein Leben so gestalten kannst, dass du mehr du selbst sein kannst – und gleichzeitig Strategien entwickelst, mit denen dein Alltag besser funktioniert.
Nicht:
Wie werde ich endlich wie die anderen?
Sondern:
Wie kann ich mit meinem ADHS ein Leben führen, das zu mir passt?
Genau darin sehe ich eine der grossen Stärken von Coaching.
Du musst dich nicht für einen Weg entscheiden
Und vielleicht ist das einer der wichtigsten Punkte überhaupt:
Diese Möglichkeiten schliessen sich nicht gegenseitig aus.
Du kannst eine Psychotherapie machen und gleichzeitig ein Coaching nutzen.
Du kannst Medikamente nehmen und trotzdem therapeutisch oder im Coaching an deinen Themen arbeiten.
Du kannst in eine Selbsthilfegruppe gehen und parallel ganz andere Unterstützung nutzen.
Und du musst auch nicht erst mit dem einen „fertig“ sein, bevor du mit dem nächsten anfangen darfst.
Aus meiner eigenen Erfahrung war gerade die Kombination verschiedener Ansätze besonders wertvoll.
Ich stelle mir das inzwischen ein bisschen wie ein Puzzle vor.
Psychotherapie kann ein Teil davon sein.
Medizinische Unterstützung kann ein Teil sein.
Coaching kann ein Teil sein.
Der Austausch mit anderen kann ein Teil sein.
Und vielleicht kommen bei dir noch ganz andere Puzzleteile dazu.
Am Ende geht es nicht darum, alle Teile zu benutzen. Es geht darum, die Teile zu finden, die dein eigenes Bild ergeben.
Deshalb: Warte nicht darauf, dass irgendwann die perfekten Bedingungen da sind.
Wenn du auf einen Therapieplatz wartest, kannst du trotzdem schon andere Schritte gehen.
Wenn der Termin beim Facharzt noch Monate entfernt ist, muss dein Leben bis dahin nicht stillstehen.
Wenn du mit Coaching beginnen möchtest, musst du nicht warten, bis eine Therapie abgeschlossen ist.
Und wenn du zunächst einfach nur eine Selbsthilfegruppe besuchen und zuhören möchtest, ist auch das ein Anfang.
Es gibt keine vorgeschriebene Reihenfolge.
Es gibt nicht den richtigen Weg mit ADHS - aber es gibt deinen ganz persönlichen.
Wow – das war echt viel.
Du bist tatsächlich bis hierher gekommen? Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.
Vielleicht hast du dich an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt. Vielleicht hat dich etwas zum Nachdenken gebracht. Oder du hast selbst ganz andere Erfahrungen gemacht.
Dann erzähl mir davon.
Was waren deine ersten Schritte nach der Diagnose? Was hat dir geholfen – und was vielleicht überhaupt nicht?
Lass mir gerne einen Kommentar da. Ich freue mich auf deine Erfahrungen und den Austausch mit dir.