Es ging nie um das Ei
ADHS, starke Emotionen und warum wir uns manchmal völlig missverstehen
Heute Morgen hatte ich Streit mit meiner Frau.
Wegen eines Eis.
Zumindest dachte meine Frau wahrscheinlich, dass es um ein Ei ging.
Aber genau das war das Problem:
Für mich ging es überhaupt nicht um das Ei.
Meine Frau machte Frühstück und fragte mich, ob ich ein Ei möchte.
„Oh ja, Ei habe ich schon tagelang nicht mehr gegessen.“
So weit, so gut.
Kurz darauf war ich unter der Dusche und hörte, wie sie unseren zwölfjährigen Sohn fragte, ob er ein Rührei möchte.
„Klar, gerne.“
Und ich dachte unter der Dusche noch:
Oh cool. Es gibt Rührei. Da habe ich richtig Bock drauf.
Schliesslich hatte sie mich vorher auch gefragt, ob ich ein Ei möchte.
Als ich aus der Dusche kam, stand das Rührei auf dem Tisch.
Für meinen Sohn.
Auf dem Herd stand ein Topf mit drei hartgekochten Eiern.
Für mich.
Ich fragte meine Frau:
„Ist das Rührei auch für mich?“
„Nein. Du hast gesagt, du möchtest Ei. Ich habe dir drei Eier gekocht.“
Und jetzt muss man etwas über mich wissen:
Ich mag gar keine hartgekochten Eier.
Also sagte ich:
„Aber ich mag doch gar keine hartgekochten Eier.“
Und damit begann eine Diskussion, die für einen Menschen von aussen wahrscheinlich vollkommen absurd klingt.
Meine Frau hatte mich gefragt, ob ich Ei möchte.
Ich hatte Ja gesagt.
Sie hatte mir Eier gemacht.
Nur eben nicht die, die ich erwartet hatte.
Und ich wurde sauer.
Wenn man die Geschichte bis hierhin erzählt, könnte man vermutlich sagen:
Markus, jetzt stell dich nicht so an. Dann iss halt die Eier.
Und weisst du was?
Genau das habe ich später auch gemacht.
Denn das Problem waren nie die Eier.
Aber worum ging es dann?
Ich glaube, genau hier wird es interessant.
Denn während wir diskutierten, passierten in meinem Kopf längst ganz andere Dinge.
Mich störte, dass meine Frau unseren Sohn gefragt hatte, welches Ei er möchte, mich aber nicht.
Viel stärker störte mich allerdings etwas anderes.
Ich hätte mir in diesem Moment einfach gewünscht, dass sie sagt:
„Oh, sorry. Stimmt. Ich hätte dich auch fragen können.“
Mehr nicht.
Keine grosse Entschuldigung.
Keine Diskussion darüber, wer recht hat.
Kein neues Frühstück.
Einfach nur das Gefühl:
Sie versteht, warum mich das gerade stört.
Doch genau das kam bei mir nicht an.
Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass die Verantwortung bei mir landete: Ich hätte mich falsch ausgedrückt. Ich hätte eben nur „Ei“ gesagt.
Und genau da wurde aus einer kleinen Situation für mich plötzlich etwas viel Grösseres.
Denn es traf einen Punkt, auf den ich emotional extrem stark reagiere:
Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.
Und plötzlich war die Emotion da.
Nicht ein bisschen Ärger.
Nicht: „Schade, ich hätte lieber Rührei gehabt.“
Sondern richtige Wut.
Wenn die Emotion überhaupt nicht zur Situation zu passen scheint
Von aussen betrachtet steht das, was passiert ist, in keinem Verhältnis zu dem Gefühl, das plötzlich da ist.
Eine missverständliche Frage.
Ein Frühstück.
Eigentlich nichts, worüber zwei erwachsene Menschen einen ernsthaften Streit haben müssten.
Und trotzdem fühlte es sich für mich in diesem Moment riesig an.
Genau hier kommt für mich ADHS ins Spiel.
Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation können bei ADHS eine wichtige Rolle spielen.
Emotionen können sehr schnell entstehen. Sehr intensiv werden. Und wenn sie einmal da sind, kann es verdammt schwer sein, sie wieder herunterzufahren.
Bei mir ist das besonders stark, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.
Dann passiert etwas in mir, das ich selbst im Nachhinein manchmal kaum nachvollziehen kann.
Das Interessante daran ist:
Mein Gefühl ist in diesem Moment echt.
Ich spiele es nicht.
Ich entscheide mich nicht bewusst dafür, jetzt besonders wütend zu sein.
Ich erlebe in diesem Moment tatsächlich diese Wut, diese Verletzung und dieses Gefühl von Ungerechtigkeit.
Mein Gegenüber sieht aber zunächst nur den Auslöser.
Und genau hier beginnt das Missverständnis.
Wir streiten über dasselbe – und trotzdem über etwas völlig anderes
Ich kann verstehen, warum meine Frau meine Reaktion nicht nachvollziehen konnte.
Aus ihrer Perspektive hatte sie vermutlich Frühstück gemacht, mich gefragt, ob ich etwas möchte, und sich darum gekümmert.
Und dann komme ich aus der Dusche und bin sauer.
Was soll man damit anfangen?
Vielleicht dachte sie:
„Jetzt mache ich ihm schon Frühstück und dann ist es auch wieder nicht richtig.“
Ich weiss nicht, ob sie genau das gedacht hat.
Aber ich kann verstehen, wenn meine Reaktion für sie vollkommen unverhältnismässig wirkte.
Nur sah die Situation aus meiner Perspektive eben ganz anders aus.
Bei mir kam an:
„Warum hast du ihn gefragt und mich nicht?“
Und noch stärker:
„Warum kannst du jetzt nicht einfach anerkennen, dass du mich auch hättest fragen können?“
Während wir also scheinbar über eine völlig banale Situation diskutierten, ging es für mich längst um Fairness, Verständnis und das Gefühl, mit meiner Sicht überhaupt nicht anzukommen.
Wir standen in derselben Küche.
Wir redeten über dieselbe Situation.
Und trotzdem führten wir zwei vollkommen unterschiedliche Gespräche.
Wenn Gefühle schneller sind als die Erklärung dafür
Das Schwierige ist, dass ich diese ganzen Zusammenhänge in dem Moment nicht so schön sortiert erklären kann, wie ich sie jetzt hier aufschreibe.
Jetzt sitze ich hier mit Abstand.
Jetzt kann ich darüber nachdenken.
Jetzt kann ich unterscheiden:
Was ist tatsächlich passiert?
Was habe ich erwartet?
Was hat mich verletzt?
Was hat die Wut ausgelöst?
Aber in dem Moment selbst ist die Emotion manchmal einfach schneller.
Erst kommt das Gefühl.
Und danach beginnt die Suche danach, warum es eigentlich gerade so gross geworden ist.
Das kann für das Gegenüber unglaublich schwierig sein.
Denn während ich verzweifelt versuche zu erklären, dass es mir um etwas ganz anderes geht, sieht mein Gegenüber zunächst nur einen Menschen, dessen Reaktion überhaupt nicht zur Situation zu passen scheint.
Und je weniger ich mich verstanden fühle, desto stärker werde ich emotional.
Je stärker ich emotional werde, desto weniger versteht mein Gegenüber meine Reaktion.
Und je weniger mein Gegenüber sie versteht, desto stärker habe ich wiederum das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Ein perfekter Kreislauf.
Nur leider keiner, in dem man besonders gerne feststeckt.
Das Gefühl ist echt – aber deshalb ist nicht jede Reaktion richtig
Das ist mir an dieser Stelle wichtig.
ADHS erklärt für mich vieles.
Aber ADHS ist kein Freifahrtschein.
Nur weil meine Emotion in diesem Moment unglaublich stark ist, bedeutet das nicht automatisch, dass alles, was ich daraus mache, richtig ist.
Ich kann mich verletzt fühlen – und mein Gegenüber wollte mich trotzdem nicht verletzen.
Ich kann etwas als ungerecht erleben – und mein Gegenüber kann dieselbe Situation vollkommen anders wahrnehmen.
Ich kann einen guten Grund für mein Gefühl haben – und trotzdem in einer Art reagieren, die den anderen verletzt.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Und vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Aufgaben beim Umgang mit starken Emotionen:
Das eigene Gefühl ernst zu nehmen, ohne daraus automatisch zu schliessen, dass die eigene Interpretation die einzig richtige sein muss.
Ich lerne das selbst noch.
Manchmal brauchen wir gar keine Lösung
Wenn ich jetzt auf die Situation zurückblicke, merke ich:
Ich brauchte eigentlich keine Lösung.
Ich brauchte das Gefühl, dass das, was gerade in mir passiert, gesehen wird.
Und vielleicht ist genau das besonders schwierig, wenn die Intensität eines Gefühls für das Gegenüber überhaupt nicht nachvollziehbar ist.
Denn was für den einen eine Kleinigkeit ist, kann beim anderen etwas berühren, das viel tiefer liegt.
Zurückweisung.
Nicht gesehen werden.
Nicht verstanden werden.
Oder – wie bei mir heute Morgen – das Gefühl von Ungerechtigkeit.
Es ging nie um das Ei
Vielleicht kennst du genau solche Momente.
Du reagierst auf etwas, das für alle anderen wie eine absolute Kleinigkeit aussieht.
Ein falscher Satz.
Eine Antwort, die anders kommt, als du sie erwartet hast.
Jemand berücksichtigt dich nicht.
Jemand reagiert nicht so, wie du es in diesem Moment gebraucht hättest.
Eigentlich nichts Grosses.
Und trotzdem trifft es dich mit voller Wucht.
Du wirst wütend.
Du bist verletzt.
Vielleicht wirst du laut.
Vielleicht ziehst du dich komplett zurück.
Vielleicht kannst du selbst nicht einmal erklären, warum dich diese scheinbare Kleinigkeit gerade so unglaublich fertigmacht.
Du weisst nur:
Es tut weh.
Und dann passiert vielleicht genau das, was es noch schlimmer macht.
Dein Gegenüber versteht deine Reaktion nicht.
Es sieht nur die scheinbare Kleinigkeit.
Und du sitzt da und denkst:
„Warum verstehst du nicht, dass es mir überhaupt nicht darum geht?“
Aber vielleicht weisst du in diesem Moment selbst noch gar nicht genau, worum es dir eigentlich geht.
Du spürst nur diese Wut.
Diese Verletzung.
Dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden.
Nicht verstanden zu werden.
Kennst du das?
Kennst du das Gefühl, wegen einer scheinbaren Kleinigkeit emotional völlig zu eskalieren – während sich diese Kleinigkeit für dich in diesem Moment überhaupt nicht klein anfühlt?
Dann schreib mir in die Kommentare.
Vielleicht magst du erzählen, welche scheinbare „Kleinigkeit“ dich schon einmal völlig aus der Bahn geworfen hat.
Nicht, weil ich herausfinden möchte, wer recht hatte.
Sondern weil mich interessiert, was diese Situation in dir ausgelöst hat.
Denn vielleicht hilft uns genau das dabei, unsere Emotionen ein kleines bisschen besser zu verstehen.
Und vielleicht stellen wir dabei fest:
Es geht erstaunlich oft gar nicht um das Ei.
Hinweis: Dieser Blogartikel ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Die Inhalte dienen der Information und dem Erfahrungsaustausch und stellen keine Diagnose oder Behandlungsempfehlung dar.