„Du? ADHS?“ – Ist nicht jeder mal unkonzentriert?
Warum einzelne Symptome noch lange nicht die ganze Geschichte erzählen
Nein, ich werde dir jetzt nicht noch einmal die typischen „Red Flags“ von ADHS aufzählen.
Davon findest du im Internet genug.
Lass uns das etwas praktischer anschauen. Hier ein kleiner Einblick in meinen Alltag mit ADHS:
Ich vergesse ständig Dinge.
Ich bin unkonzentriert.
Ich schiebe Aufgaben auf.
Ich bin impulsiv.
Ich verlege ständig meinen Schlüssel.
Und ich könnte diese Liste noch ziemlich lange weiterführen.
Vielleicht liest du diese Liste und denkst:
„Moment mal. Das kenne ich doch alles.“
Stimmt.
Denn wahrscheinlich gibt es kaum eine Verhaltensweise oder Schwierigkeit, die wir mit ADHS verbinden, die ein Mensch ohne ADHS nicht auch kennt.
Jeder ist mal unkonzentriert.
Jeder vergisst etwas.
Jeder schiebt eine unangenehme Aufgabe auf.
Jeder sagt mal etwas, bevor er darüber nachgedacht hat.
Jeder verliert mal seinen Schlüssel.
Und genau deshalb ist ADHS manchmal so schwer zu verstehen.
ADHS beginnt nicht dort, wo ein bestimmtes Verhalten plötzlich ausschließlich bei Menschen mit ADHS vorkommt.
Der Unterschied liegt viel tiefer.
Es geht darum, wie häufig diese Dinge passieren. Wie stark sie ausgeprägt sind. Wie viele davon zusammenkommen. In wie vielen Bereichen deines Lebens sie auftauchen. Wie lange sie dich schon begleiten.
Und vor allem:
Was sie mit deinem Leben machen.
Denn es ist ein Unterschied, ob du einmal deinen Schlüssel vergisst.
Oder ob du irgendwann anfängst, dein ganzes Leben um deine Vergesslichkeit herum zu organisieren.
Es ist ein Unterschied, ob du bei einem langweiligen Vortrag abschweifst.
Oder ob du deinem Partner gegenübersitzt, ihm wirklich zuhören möchtest – und trotzdem irgendwann bemerkst, dass du seit zwei Minuten kein Wort mehr aufgenommen hast.
Es ist ein Unterschied, ob du eine unangenehme Aufgabe bis morgen aufschiebst.
Oder ob du vor einer eigentlich einfachen Aufgabe sitzt, genau weißt, dass du sie erledigen musst, sie sogar erledigen willst – und trotzdem nicht anfangen kannst.
Und vielleicht ist genau das etwas, was Menschen ohne ADHS von außen manchmal nur schwer verstehen können.
Denn sie sehen das Ergebnis.
Du hast es vergessen.
Du hast nicht zugehört.
Du hast es wieder nicht gemacht.
Was sie nicht sehen, ist das, was davor in dir passiert ist.
Und genau darüber möchte ich in diesem Artikel sprechen.
Nicht nur darüber, wie ADHS von außen aussieht.
Sondern darüber, wie es sich von innen anfühlen kann.
Was du siehst – und was du nicht siehst
Vielleicht kennst du einen Menschen mit ADHS und denkst gerade:
„Aber bei ihm ist das doch gar nicht so.“
Vielleicht kommt er nie zu spät.
Vielleicht vergisst er kaum Termine.
Vielleicht wirkt er unglaublich organisiert.
Vielleicht ist er gesellig, unter Menschen, auf Feiern, immer mittendrin.
Vielleicht funktioniert er im Beruf.
Und genau deshalb fällt irgendwann dieser Satz:
„Du? ADHS? Du bist doch der organisierteste von uns allen.“
Was du allerdings nicht siehst, ist der Preis, den dieser Mensch vielleicht dafür bezahlt.
Vielleicht kommt er nicht deshalb immer pünktlich, weil Zeitmanagement für ihn kein Problem ist.
Vielleicht kommt er viel zu früh, weil er solche Angst davor hat, einen Termin zu verpassen oder wieder zu spät zu sein, dass er lieber eine halbe Stunde irgendwo wartet.
Vielleicht wirkt er so organisiert, weil er alles dreimal kontrolliert. Weil sein Kalender voll mit Erinnerungen ist. Weil er sich jeden Gedanken sofort aufschreiben muss, aus Angst, ihn Sekunden später wieder vergessen zu haben.
Vielleicht sieht es bei der Arbeit so aus, als wäre er den ganzen Tag beschäftigt.
Und vielleicht ist er das sogar.
Nur bedeutet beschäftigt sein nicht automatisch, vorwärtszukommen.
Vielleicht springt er zwischen Aufgaben hin und her. Beginnt fünf Dinge und beendet keines davon. Liest dieselbe E-Mail dreimal. Öffnet ein Dokument, wird unterbrochen, öffnet das nächste, erinnert sich plötzlich an etwas anderes und stellt am Ende eines völlig anstrengenden Arbeitstages fest:
Ich habe den ganzen Tag gemacht und gemacht – aber was habe ich eigentlich geschafft?
Von außen sieht man einen Menschen, der arbeitet.
Von innen fühlt es sich vielleicht an wie ein Kampf darum, überhaupt bei einer Sache zu bleiben.
Und vielleicht ist dieser Mensch auch immer gerne unter Leuten.
Zumindest sieht es so aus.
Er redet. Er lacht. Er macht Witze. Er beteiligt sich an Gesprächen.
Was niemand sieht:
Vielleicht sind ihm längst zu viele Menschen im Raum.
Vielleicht ist es zu laut.
Vielleicht nimmt er jedes Gespräch am Nachbartisch wahr, während er gleichzeitig versucht, deinem zu folgen.
Vielleicht lächelt er weiter, während sein Kopf eigentlich nur noch schreit:
Ich will hier raus.
Und trotzdem bleibt er.
Weil man das eben so macht.
Weil er nicht unhöflich sein möchte.
Weil er dazugehören möchte.
Weil er vielleicht über viele Jahre gelernt hat, wie er sein muss, damit niemand merkt, wie anstrengend bestimmte Situationen für ihn tatsächlich sind.
Das ist Masking.
Und Masking kostet.
Für mich sogar auf zwei Arten.
Es kostet unglaublich viel Kraft, ständig eine Version von sich selbst aufrechtzuerhalten, von der man glaubt, dass sie von der Außenwelt erwartet wird.
Aber es kostet noch etwas anderes.
Man zeigt irgendwann nicht mehr, wer man eigentlich ist.
Was einem zu viel ist.
Was einen überfordert.
Wo man Hilfe braucht.
Wann man eine Pause braucht.
Was man eigentlich gerade fühlt.
Vielleicht macht man das so lange, dass man irgendwann selbst nicht mehr genau weiß:
Was davon bin eigentlich ich – und was davon ist die Rolle, die ich über Jahre gelernt habe zu spielen?
Und wenn du diese Fassade über Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte aufrechterhalten hast, dann ist es eigentlich überhaupt nicht verwunderlich, wenn dein Umfeld nach deiner Diagnose sagt:
„Was? Du hast ADHS? Das hätte ich niemals gedacht.“
Natürlich nicht.
Du hast schließlich einen großen Teil deines Lebens damit verbracht, dafür zu sorgen, dass sie es nicht sehen.
Und genau deshalb reicht es nicht, einen Menschen von außen anzuschauen und einzelne Symptome abzuhaken.
Denn manchmal ist das Auffälligste an ADHS gerade das, was man nicht sieht.
Die Anstrengung dahinter.
Die Strategien.
Das ständige Kompensieren.
Die Fassade.
Und den Preis, den ein Mensch dafür bezahlt, dass sein Umfeld vielleicht jahrelang überhaupt nichts bemerkt.
ADHS zeigt sich nicht nur darin, was ein Mensch nicht schafft. Manchmal zeigt es sich auch darin, wie unglaublich viel Kraft er aufbringen muss, um es trotzdem zu schaffen.
Und was bedeutet das jetzt für dich?
Vielleicht hast du dich an vielen Stellen in diesem Artikel wiedererkannt.
Dann möchte ich dir zuerst etwas Wichtiges sagen:
Dieser Artikel kann dir nicht sagen, ob du ADHS hast.
Und das soll er auch gar nicht.
Kein Blogartikel und keine Liste mit irgendwelchen „Red Flags“ kann eine professionelle ADHS-Abklärung ersetzen.
Wenn du aber beim Lesen das Gefühl hattest, dass es hier um mehr geht als um ein paar Situationen, die du eben „auch manchmal“ kennst, dann darfst du dieses Gefühl ernst nehmen.
Ob tatsächlich ADHS dahintersteckt, kann letztlich nur eine professionelle Abklärung zeigen.
Vielleicht hast du diesen Artikel aber auch gelesen, weil ein Mensch in deinem Leben ADHS hat.
Vielleicht hast du bisher manchmal gedacht:
„Das kenne ich doch auch.“
Dann hoffe ich, dass du jetzt vielleicht ein kleines bisschen besser verstehst, warum es eben nicht nur darum geht, was passiert.
Sondern auch darum, wie oft es passiert, wie viel Kraft es kostet und was es mit einem Menschen macht.
Und vielleicht ist genau das der Gedanke, den ich dir mit diesem Artikel mitgeben möchte:
Schau nicht nur darauf, was du von außen siehst.
Frag dich auch, wie es sich für den Menschen anfühlt, der jeden Tag damit lebt.
Und jetzt interessiert mich deine Geschichte.
Vielleicht hast du dich selbst in diesem Artikel wiedererkannt. Vielleicht gibt es etwas an deinem ADHS, das andere Menschen bis heute nicht verstehen. Oder vielleicht hast du beim Lesen zum ersten Mal einen Menschen in deinem Leben ein bisschen besser verstanden.
Dann schreib mir in die Kommentare.
Du musst daraus keinen perfekten Text machen. Schreib einfach das, was dir gerade durch den Kopf geht.
Denn vielleicht liest deinen Kommentar irgendwann jemand, der genau dasselbe erlebt – und merkt dadurch:
Ich bin damit nicht allein.
Ich freue mich darauf, von dir zu lesen.
Hinweis: Dieser Blogartikel ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Die Inhalte dienen der Information und dem Erfahrungsaustausch und stellen keine Diagnose oder Behandlungsempfehlung dar.