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ADHS & Süchte – Warum kann ich nicht aufhören, obwohl ich weiß, dass es mir nicht guttut?

Lesezeit: ca. 12 Minuten

Kennst du das? Du nimmst dir fest vor, weniger Zeit am Smartphone zu verbringen, nicht schon wieder etwas Unnötiges zu bestellen oder abends endlich rechtzeitig mit dem Gaming aufzuhören.

Du weißt, dass dir dieses Verhalten nicht guttut. Vielleicht kostet es dich Geld, Zeit oder Schlaf. Und trotzdem machst du es wieder.

Warum eigentlich?

Gerade Menschen mit ADHS kennen häufig diesen Konflikt zwischen dem, was sie sich vornehmen, und dem, was sie im entscheidenden Moment tatsächlich tun.

Doch warum fällt es uns manchmal so schwer, auf eine unmittelbare Belohnung zu verzichten? Und weshalb haben Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko, eine Suchterkrankung zu entwickeln?

Ein Klick bei Amazon – und schon ist es passiert

Ich möchte mit einer persönlichen Erfahrung beginnen.

Eine Zeit lang hatte ich ein ziemlich ausgeprägtes Kaufverhalten. Besonders dann, wenn ich mich für etwas Neues begeistern konnte.

Nehmen wir beispielsweise mein Calisthenics-Training.

Ich trainiere regelmäßig und schaue mir gelegentlich YouTube-Videos an, um bestimmte Übungen besser auszuführen. Vielleicht möchte ich meinen Bewegungsablauf verbessern oder herausfinden, worauf ich bei einer bestimmten Übung achten sollte.

Eigentlich eine ganz sinnvolle Sache.

Doch dann passiert etwas, das vermutlich viele kennen.

YouTube schlägt mir weitere Videos vor. Darunter plötzlich auch Tests und Vorstellungen verschiedener Calisthenics-Trainingsgeräte.

Ein Gerät sieht interessant aus.

Also schaue ich mir das Video an.

Und schon werden mir weitere ähnliche Videos vorgeschlagen.

Plötzlich entdecke ich ein Trainingsgerät, von dem ich vorher gar nicht wusste, dass es existiert.

Brauche ich das vielleicht auch?

Und schon geht die Recherche los.

Welches Produkt ist das beste? Welche Unterschiede gibt es? Was sagen die Bewertungen? Und wo bekomme ich es zum günstigsten Preis?

Ich habe gegoogelt, verglichen, Bewertungen gelesen und später auch künstliche Intelligenz genutzt, um das beste Angebot zu finden.

Stundenlang.

Die Suche selbst war unglaublich spannend. Noch ein Vergleich. Noch ein besseres Angebot. Vielleicht gibt es irgendwo doch noch eine günstigere Variante?

Und irgendwann hatte ich es gefunden.

Das perfekte Produkt zum besten Preis.

Ein Klick bei Amazon. Bestellt.

Geschafft!

Nur hielt dieses gute Gefühl häufig nicht lange an.

Manchmal kam die Kaufreue bereits wenige Minuten später, manchmal erst am nächsten Tag oder wenn das Paket vor meiner Haustür stand.

Brauche ich das wirklich?

Eigentlich nicht.

Also zurückschicken.

Wenn das eigene Zuhause zum Versandhaus wird

Anfangs habe ich manche Dinge nicht einmal zurückgeschickt. Das hat mich über die Zeit ziemlich viel Geld gekostet.

Später wurde ich konsequenter mit Rücksendungen. Finanziell war das besser, aber der Aufwand war enorm.

Ständig kamen Pakete an. Ich musste sie öffnen, prüfen, wieder einpacken und zurückbringen.

Teilweise hatte ich das Gefühl, mein Zuhause wäre ein kleines Versandhaus geworden.

Und das Verrückte daran?

Ich hatte stundenlang nach Produkten gesucht, die ich anschließend mit zusätzlichem Aufwand wieder loswerden wollte.

Irgendwann wurde das Ganze auch meiner Frau zu viel. Sie schlug regelrecht die Hände über dem Kopf zusammen und sagte mir deutlich, dass es so mit den ständigen Bestellungen nicht weitergehen könne.

Und sie hatte recht.

Manchmal brauchen wir Menschen, die uns nahestehen und uns ehrlich darauf aufmerksam machen, wenn unser Verhalten problematisch wird. Denn während wir selbst noch mitten darin stecken, erkennen andere die Folgen möglicherweise viel deutlicher.

Für mich war ihre Rückmeldung ein wichtiger Anstoß, etwas zu verändern.

Aber was hatte mich eigentlich so angetrieben?

Und war das bereits eine Kaufsucht?

Was ist eigentlich Sucht?

Vereinfacht gesagt bedeutet Sucht, dass ich die Kontrolle über ein Verhalten zunehmend verliere, obwohl es mir schadet.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt bei anerkannten Verhaltenssüchten drei wesentliche Merkmale:

  1. Kontrollverlust: Ich kann nur schwer steuern, wann ich beginne, wie lange ich weitermache oder wann ich aufhöre.
  2. Zunehmende Bedeutung: Das Verhalten wird immer wichtiger, während andere Lebensbereiche in den Hintergrund geraten.
  3. Weitermachen trotz negativer Folgen: Obwohl Probleme entstehen, setze ich das Verhalten fort.

Für eine Suchtdiagnose müssen weitere Voraussetzungen erfüllt sein, insbesondere erhebliche Beeinträchtigungen im Alltag.

Nicht jede schlechte Angewohnheit ist deshalb gleich eine Sucht. Auch mein Kaufverhalten möchte ich rückblickend nicht selbst diagnostizieren.

Aber eines ist klar: Ein Verhalten kann bereits problematisch sein, lange bevor eine Suchterkrankung festgestellt wird.

Warum sind Menschen mit ADHS besonders anfällig für Suchtverhalten?

Um das zu verstehen, müssen wir uns mit einem Botenstoff beschäftigen, der bei ADHS eine wichtige Rolle spielt: Dopamin.

Dopamin – der Botenstoff, der uns antreibt

Dopamin wird häufig als „Glückshormon“ bezeichnet. Tatsächlich ist es vor allem an Motivation, Aufmerksamkeit, Lernen und der Verarbeitung von Belohnungen beteiligt.

Vereinfacht gesagt hilft Dopamin unserem Gehirn dabei, zu erkennen, was interessant, wichtig oder lohnenswert erscheint.

Besonders spannend wird es, wenn wir eine Belohnung erwarten.

Bei ADHS können die Verarbeitung von Dopamin und die Zusammenarbeit bestimmter Gehirnbereiche verändert sein.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der präfrontale Kortex, unsere Steuerzentrale. Er hilft uns, Impulse zu kontrollieren, Entscheidungen abzuwägen und langfristige Ziele zu verfolgen.

Dopamin überträgt Informationen zwischen Nervenzellen. Dafür wird es in einen winzigen Zwischenraum, den sogenannten synaptischen Spalt, ausgeschüttet. Dort bindet es an die nächste Nervenzelle und wird anschließend über spezielle Transporter wieder aufgenommen.

Bei ADHS können diese Prozesse anders reguliert sein. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit ADHS grundsätzlich zu wenig Dopamin hat. Es kann aber mit erklären, weshalb unmittelbare Belohnungen besonders anziehend sind und es schwerfällt, zugunsten langfristiger Ziele auf sie zu verzichten.

Warum die Suche manchmal spannender ist als der Kauf

Kommen wir zurück zu meiner Amazon-Geschichte.

Was hat mir eigentlich so viel Spaß gemacht?

War es das Trainingsgerät?

Nicht unbedingt.

Vielmehr war es die gesamte Suche danach.

Dabei kamen mehrere Dinge zusammen:

Neuheit: Ein neues Produkt weckte meine Neugier.

Wettbewerb: Ich wollte das beste Angebot finden und möglichst clever einkaufen.

Belohnungserwartung: Schon die Vorstellung, gleich etwas Tolles zu besitzen, war motivierend.

Erfolgserlebnis: Wenn ich schließlich den besten Preis gefunden hatte, fühlte sich das an, als hätte ich etwas gewonnen.

Dopamin ist an solchen Erwartungs- und Lernprozessen beteiligt. Unser Gehirn reagiert besonders auf interessante und überraschende Belohnungen.

Und genau hier lag vermutlich mein Problem.

Ich wollte nicht unbedingt das Produkt besitzen.

Ich wollte suchen, vergleichen, entdecken und am Ende das Gefühl haben, etwas gewonnen zu haben.

Ich war im Dopaminrausch.

Der Kauf war der Abschluss dieser Herausforderung. Danach verschwand der Reiz häufig genauso schnell, wie er gekommen war.

Wenn der nächste Dopamin-Kick nur einen Wisch entfernt ist

Online-Shopping ist allerdings längst nicht die einzige Möglichkeit, sich immer wieder neue Reize und schnelle Belohnungen zu verschaffen.

Während ich bei Amazon noch aktiv nach interessanten Produkten suchen und Angebote vergleichen musste, funktioniert das bei Social Media viel einfacher.

Dort muss ich nicht einmal mehr nach dem nächsten spannenden Reiz suchen.

Er wird mir direkt geliefert.

Und zwar rund um die Uhr.

Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube Shorts sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu halten. Dafür nutzen sie Algorithmen, die lernen, welche Inhalte uns interessieren.

Das Besondere daran: Die nächste mögliche Belohnung ist nur eine Wischbewegung entfernt.

Kein langes Suchen. Kein Vergleichen. Keine Kaufentscheidung.

Einfach wischen.

Und schon wartet der nächste Reiz.

TikTok, Instagram und YouTube Shorts – warum fällt das Aufhören so schwer?

Du öffnest TikTok.

Eigentlich möchtest du nur fünf Minuten schauen.

Das erste Video ist lustig.

Wischen.

Das nächste ist langweilig.

Wischen.

Plötzlich kommt etwas unglaublich Spannendes.

Wischen.

Wieder etwas Lustiges.

Du weißt vorher nie genau, was als Nächstes kommt. Und genau diese Unvorhersehbarkeit kann besonders fesselnd sein.

In der Lernpsychologie spricht man von variabler Verstärkung: Belohnungen treten nicht immer vorhersehbar auf. Dadurch kann die Erwartung entstehen, dass gleich wieder etwas besonders Interessantes kommt.

Hinzu kommt, dass es bei Kurzvideos praktisch keinen natürlichen Endpunkt gibt.

Das nächste Video wartet bereits.

Und das nächste.

Gerade bei ADHS kann diese Kombination aus Neuheit, unmittelbarer Belohnung und fehlendem Schlusspunkt eine Herausforderung sein.

Aus fünf Minuten werden plötzlich 45. Und hinterher fragt man sich: Wo ist eigentlich die Zeit geblieben?

Natürlich ist nicht jeder, der viel Zeit auf Social Media verbringt, süchtig. Entscheidend ist, ob ich die Kontrolle über mein Verhalten verliere und mein Alltag darunter leidet.

Nicht nur Drogen können zum Problem werden

Wenn wir von Sucht sprechen, denken wir zunächst an Alkohol, Nikotin, Cannabis oder andere Drogen. Auch Glücksspiel und Sportwetten sind bekannte Beispiele.

Doch problematische Verhaltensmuster können ebenso bei Tätigkeiten entstehen, die zu unserem normalen Alltag gehören.

Wir müssen einkaufen und essen. Sport ist wichtig für unsere Gesundheit. Und Gaming oder Social Media können Spaß machen und soziale Kontakte fördern.

Problematisch wird es, wenn ich ein Verhalten immer weniger kontrollieren kann und dadurch negative Folgen entstehen.

Dabei ist nicht jedes dieser Verhaltensmuster medizinisch als eigenständige Suchterkrankung anerkannt.

Für Menschen mit ADHS ist vor allem die Frage interessant, warum bestimmte Tätigkeiten so belohnend wirken können, dass wir kaum noch aufhören möchten.

Neben der Belohnungsverarbeitung spielt dabei noch ein weiterer Faktor eine Rolle.

Selbstmedikation – wenn wir versuchen, unser Gehirn selbst zu regulieren

Manche Menschen mit ADHS greifen zu bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen, um unangenehme Gefühle oder Symptome kurzfristig zu beeinflussen.

Das bezeichnet man als Selbstmedikationshypothese.

Vielleicht trinkt jemand Alkohol, um innere Unruhe zu reduzieren. Ein anderer raucht, weil er sich dadurch kurzfristig konzentrierter fühlt. Wieder jemand anderes greift bei Langeweile oder Frust zum Smartphone.

Das geschieht nicht immer bewusst.

Man merkt einfach: Wenn ich das mache, fühle ich mich für einen Moment besser.

Unser Gehirn lernt daraus. Wenn ein Verhalten wiederholt Erleichterung verschafft, greifen wir in ähnlichen Situationen möglicherweise immer häufiger darauf zurück.

So kann ein Kreislauf entstehen.

Allerdings lässt sich nicht jede Suchterkrankung bei ADHS durch Selbstmedikation erklären. Auch genetische Faktoren, das Umfeld und weitere psychische Belastungen spielen eine Rolle.

ADHS bei Kindern und Jugendlichen – schützt eine frühzeitige Behandlung vor Sucht?

Menschen mit ADHS haben im Durchschnitt ein erhöhtes Risiko, später eine Suchterkrankung zu entwickeln.

Deshalb stellt sich gerade für Eltern eine wichtige Frage:

Kann eine frühzeitige ADHS-Behandlung dieses Risiko verringern?

Eine große schwedische Studie aus dem Jahr 2025

Eine im British Medical Journal veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten von 148.581 Menschen mit ADHS im Alter von 6 bis 64 Jahren.

Dabei zeigte sich, dass der Beginn einer medikamentösen ADHS-Behandlung mit einer um etwa 15 % geringeren Rate erstmals erfasster substanzbezogener Probleme verbunden war.

Das ist ein interessantes Ergebnis. Allerdings handelte es sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann einen Zusammenhang zeigen, aber nicht zweifelsfrei beweisen, dass allein die Medikamente dafür verantwortlich waren.

Was zeigt die Langzeitforschung?

Eine weitere Untersuchung, veröffentlicht 2023 in JAMA Psychiatry, begleitete 579 Kinder mit ADHS bis ins junge Erwachsenenalter.

Sie fand keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Dauer einer Behandlung mit Stimulanzien und einem geringeren späteren Suchtrisiko.

Allerdings gab es auch keine Hinweise darauf, dass die Behandlung das Risiko erhöhte.

Was bedeutet das für betroffene Familien?

Die Forschung liefert also kein einfaches Ja oder Nein.

Eine frühzeitige, individuell abgestimmte ADHS-Behandlung kann helfen, Symptome zu reduzieren und den Alltag besser zu bewältigen. Eine medikamentöse Behandlung kann dabei ein wichtiger Bestandteil sein.

Sie ist jedoch weder eine Garantie gegen spätere Suchterkrankungen noch benötigt jedes Kind allein zur Suchtvorbeugung Medikamente.

Wichtig sind eine fachgerechte Behandlung, die Unterstützung der Familie und ein offener Umgang mit möglichen Risiken.

Wie kann ich problematische Gewohnheiten durchbrechen?

Jetzt wissen wir, warum bestimmte Verhaltensweisen bei ADHS besonders anziehend sein können.

Doch was hilft, wenn ich etwas verändern möchte?

1. Erkenne deine Auslöser

Beobachte zunächst, wann der Impuls besonders häufig auftritt.

Ist es Langeweile? Stress? Frust? Oder die Begeisterung für eine neue Idee?

Manchmal hilft es, diese Situationen einige Tage lang aufzuschreiben.

Auch Rückmeldungen von Freunden oder der Familie können wertvoll sein. Außenstehende erkennen problematische Muster manchmal früher als wir selbst.

2. Schaffe dir eine Alternative

Ein Verhalten einfach nur wegzulassen, reicht häufig nicht aus.

Vielleicht hat es dir Spannung verschafft, Langeweile vertrieben oder geholfen, unangenehme Gefühle auszuhalten.

Wenn du es plötzlich weglässt, entsteht eine Lücke.

Deshalb solltest du bereits vorher überlegen, was du stattdessen machen möchtest.

Besonders hilfreich können sogenannte Wenn-dann-Pläne sein.

Zum Beispiel:

„Wenn ich abends aus Langeweile Amazon öffnen möchte, dann mache ich stattdessen zehn Minuten Calisthenics.“

Oder:

„Wenn ich merke, dass ich gedankenlos durch Social Media scrolle, lege ich mein Smartphone weg und gehe eine Runde spazieren.“

Wichtig ist, dass deine Alternative zu dir passt und dir möglichst ebenfalls etwas Positives gibt.

3. Unterbrich den gewohnten Ablauf

Bei mir hat geholfen, Amazon eine Zeit lang überhaupt nicht mehr zu öffnen.

Keine Produktsuche, keine Preisvergleiche und keine Bestellungen.

Ich habe also nicht nur auf den Kauf verzichtet, sondern bereits die Auslöser vermieden, die mich immer wieder in diesen Kreislauf gebracht hatten.

Mit der Zeit wurde der Drang schwächer.

Auch bei anderen Gewohnheiten kann es helfen, den Zugang zu typischen Auslösern zu erschweren: Benachrichtigungen ausschalten, Apps vorübergehend löschen oder das Smartphone abends außer Reichweite legen.

4. Wie lange dauert es, eine Gewohnheit abzulegen?

Vielleicht hast du von der 21-Tage-Regel gehört. Angeblich soll es nur drei Wochen dauern, bis eine Gewohnheit entsteht oder verschwindet.

Wissenschaftlich lässt sich das so pauschal nicht bestätigen.

Eine Studie von Phillippa Lally und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2010 untersuchte die Entstehung neuer Gewohnheiten. Dabei zeigte sich eine große Spannweite von 18 bis 254 Tagen.

Aber wie lange dauert es, eine bestehende Gewohnheit abzubauen?

Forschende der Universität Bern untersuchten 194 Menschen über 91 Tage. Dabei ging es unter anderem um ungesundes Snacken, Alkoholkonsum und Rauchen.

Die Ergebnisse zeigten, dass sich der Rückgang der Gewohnheitsstärke bei den untersuchten Personen nach sehr unterschiedlichen Zeiträumen stabilisierte – zwischen 1 und 65 Tagen.

Eine weitere Auswertung aus dem Jahr 2026 unterstrich, dass es hilfreich sein kann, gewohnte Verhaltensweisen nicht auszuführen und typische Auslöser zu reduzieren.

Eine feste Anzahl von Tagen, nach der jede Gewohnheit verschwunden ist, gibt es also nicht.

5. Probiere eine 28-Tage-Challenge

Trotzdem kann es sinnvoll sein, sich einen überschaubaren Zeitraum vorzunehmen.

Mein Vorschlag: Versuche, eine unerwünschte Gewohnheit 28 Tage lang bewusst zu unterbrechen.

Nicht, weil nach vier Wochen wissenschaftlich garantiert alles vorbei wäre. Sondern weil du dir damit ein konkretes Ziel setzt.

Bei problematischem Online-Shopping könnte das bedeuten, vier Wochen lang keine unnötigen Bestellungen aufzugeben, Shopping-Apps zu entfernen und auf Preisvergleiche aus Langeweile zu verzichten.

Überlege dir vorher, was du bei einem Kaufimpuls stattdessen tun möchtest.

Und beobachte, ob sich dein Verlangen mit der Zeit verändert.

Die 28 Tage sind ein Experiment, kein wissenschaftlich festgelegter Heilungszeitraum.

6. Der Warenkorb-Trick – erst morgen entscheiden

Nicht jeder Kauf lässt sich vermeiden. Schließlich brauchen wir manchmal tatsächlich etwas.

Aber nur weil ich überzeugt bin, ein Produkt zu benötigen, muss ich es nicht sofort bestellen.

Lege es zunächst in den Warenkorb und schlafe mindestens eine Nacht darüber.

Am nächsten Tag schaust du erneut hinein und fragst dich:

Brauche ich das wirklich? Werde ich es regelmäßig verwenden? Habe ich vielleicht schon etwas Vergleichbares?

Oder könnte ich es mir einfach von einem Nachbarn ausleihen?

Gerade bei Werkzeugen ist das ein gutes Beispiel. Vielleicht brauche ich eine bestimmte Maschine nur für eine einzige Arbeit.

Am nächsten Tag merke ich möglicherweise: Eigentlich brauche ich das Ding nur für eine halbe Stunde.

Warum also kaufen?

Indem ich zwischen Impuls und Entscheidung etwas Zeit verstreichen lasse, bekommt die anfängliche Begeisterung die Möglichkeit, abzuklingen.

Und manchmal ist das beste Schnäppchen eben das, was ich gar nicht erst kaufe.

Mein Fazit

Menschen mit ADHS können besonders empfänglich für Neuheit, unmittelbare Belohnungen und spannende Reize sein. Gleichzeitig können Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle dazu beitragen, dass wir länger bei einer Tätigkeit bleiben, als wir eigentlich möchten.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit ADHS eine Sucht entwickelt oder jedes impulsive Verhalten bereits eine Suchterkrankung ist.

Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen, wenn ein Verhalten zunehmend Zeit, Geld oder Lebensqualität kostet.

Mir hat es geholfen, den gewohnten Ablauf zu unterbrechen und bewusster mit meinen Kaufimpulsen umzugehen.

Vielleicht liegt der erste Schritt auch für dich darin, nicht nur zu fragen, wie du mit einem Verhalten aufhören kannst, sondern welche Belohnung du dir davon versprichst – und wie du sie auf eine andere Weise bekommen könntest.

Wie ist das bei dir?

Kennst du solche Situationen, in denen du etwas immer wieder tust, obwohl du dir längst vorgenommen hast, damit aufzuhören?

Vielleicht beim Online-Shopping, beim Gaming oder beim Scrollen durch Social Media?

Welche Strategie hat dir geholfen, ein solches Verhalten zu verändern?

Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren teilst.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Informationen

  1. Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gaming Disorder – Merkmale einer anerkannten Verhaltenssucht.
    https://www.who.int/standards/classifications/frequently-asked-questions/gaming-disorder/
  2. Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gambling – Informationen zu Glücksspiel und Suchtrisiken.
    https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/gambling/
  3. BMJ (2025): ADHD drug treatment and risk of suicidal behaviours, substance misuse, accidental injuries, transport accidents, and criminality.
    https://www.bmj.com/content/390/bmj-2024-083658
  4. JAMA Psychiatry (2023): Association Between Stimulant Treatment and Substance Use Through Adolescence Into Early Adulthood.
    https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2806881
  5. Lally et al. (2010): How are habits formed: Modelling habit formation in the real world.
    https://doi.org/10.1002/ejsp.674
  6. Edgren, Baretta & Inauen (2025), Universität Bern: The temporal trajectories of habit decay in daily life.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39456116/
  7. Edgren & Inauen (2026), Universität Bern: Determinants and strategies of self-reported habit degradation.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41664447/

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, psychotherapeutische oder sonstige fachliche Beratung.

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