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ADHS & Partnerschaft – Kann ich mit ADHS überhaupt eine gute Beziehung führen?

Lesezeit: ca. 12 Minuten

Kann ich mit ADHS überhaupt eine gute Partnerschaft führen?

Diese Frage habe ich mir tatsächlich schon gestellt.

Nicht, weil Menschen mit ADHS keine Beziehungen führen könnten. Sondern weil ich selbst immer wieder merke, wie anstrengend Partnerschaft sein kann, wenn zwei Menschen die Welt teilweise völlig unterschiedlich wahrnehmen.

Manchmal habe ich das Gefühl, meiner Partnerin einfach nicht gerecht werden zu können.

Erzähle ich viel darüber, was ADHS gerade mit mir macht, kann irgendwann das Gefühl entstehen: „Bei dir geht es immer nur um ADHS.“

Erzähle ich weniger, weil ich nicht ständig über ADHS sprechen möchte, kann genau das Gegenteil passieren: „Du erzählst mir gar nicht, was in dir vorgeht. Du lässt mich gar nicht an deinem Leben teilhaben.“

Und ich stehe irgendwo dazwischen und frage mich:

Wie soll ich es eigentlich richtig machen?

Vielleicht gibt es dieses „richtig“ aber gar nicht.

Denn in einer Partnerschaft treffen zwei Menschen aufeinander. Und wenn einer davon ADHS hat und der andere nicht, treffen manchmal auch zwei ziemlich unterschiedliche Arten aufeinander, die Welt wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu handeln.

Manchmal fühlt sich das fast so an, als wären wir füreinander ein bisschen wie Aliens.

Ein ganz normaler Tag – bis er es plötzlich nicht mehr war

Vor Kurzem hatte ich eigentlich einen richtig guten Tag.

Ich hatte viel zu tun – und erstaunlicherweise auch richtig viel geschafft. Administrative Dinge erledigt, Überweisungen gemacht, Retouren zur Post gebracht, im Haushalt etwas gemacht, an meiner Homepage gearbeitet und noch einiges mehr.

Ich war zufrieden mit mir.

Am Abend kam ich gut gelaunt nach Hause und hatte meinen weiteren Tagesablauf bereits im Kopf. Mein Sohn musste später zum Sport, meine Frau wollte selbst zum Training und anschließend wollte ich noch kurz bei einem Freund vorbeigehen, der Geburtstag hatte.

Für mich war alles organisiert.

Meine Frau hatte ebenfalls einen vollen Tag hinter sich – mit einem entscheidenden Unterschied: Sie war völlig erschöpft.

Ein paar Dinge hatte sie nicht mehr geschafft. Unter anderem musste noch Wäsche aufgehängt werden. Außerdem fehlten Lebensmittel für den Abend und den nächsten Morgen.

Also fragte sie mich, ob ich das noch übernehmen könnte.

Für mich kein Problem.

Dann fahre ich schnell einkaufen, komme rechtzeitig zurück, schicke meinen Sohn zum Sport, räume die Einkäufe weg und hänge anschließend die Wäsche auf. Die Waschmaschine lief ohnehin noch ungefähr 20 Minuten.

In meinem Kopf passte das perfekt.

Dann kam noch der Hinweis, dass ich daran denken müsse, wann mein Sohn vom Sport zurückkommt. Er müsse dann essen und anschließend rechtzeitig ins Bett.

Auch das bekam ich in meinem Kopf noch unter.

Und irgendwann sagte meine Frau sinngemäß:

„Du lädst dir wieder viel zu viel auf. Nachher bist du wieder völlig fertig.“

Und ich antwortete:

„Alles, was ich mir heute aufgeladen habe, habe ich erledigt. Die zusätzlichen Aufgaben hast du mir gerade gegeben.“

Bäm.

Streit.

Ein Gespräch – zwei völlig unterschiedliche Themen

Im Nachhinein glaube ich, dass wir überhaupt nicht über dasselbe gesprochen haben.

Für mich war es eine sachliche Feststellung.

Ich hatte meine Aufgaben für diesen Tag erledigt. Die Wäsche und der Einkauf waren zusätzliche Aufgaben, die gerade dazugekommen waren.

Ich wollte damit weder sagen: „Ich helfe dir nicht“ noch „Du verlangst zu viel von mir.“

Ich hatte sogar bereits geplant, wie ich alles unterbekomme.

Aber möglicherweise ging es meiner Frau um etwas völlig anderes.

Sie war erschöpft. Dinge waren liegen geblieben. Der Abend musste organisiert werden.

Vielleicht war ihre eigentliche Botschaft eher:

„Siehst du gerade, wie viel hier noch ansteht und wie fertig ich bin?“

Und während sie möglicherweise auf einer emotionalen Ebene über Belastung gesprochen hat, habe ich auf der Sachebene darüber diskutiert, wer sich welche Aufgaben aufgeladen hat.

Wir haben scheinbar dasselbe Gespräch geführt.

Aber vielleicht haben wir in Wirklichkeit über zwei völlig unterschiedliche Dinge gesprochen.

Ein Ereignis. Zwei Menschen. Zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen.

Übrigens: Ich habe tatsächlich alles geschafft.

Allerdings muss ich fairerweise zugeben, dass mein Freund nicht zu Hause war. Ich konnte sein Geburtstagsgeschenk einfach vor die Tür stellen und hatte dadurch plötzlich deutlich mehr Zeit.

Vielleicht war meine Zeitplanung also doch nicht ganz so genial, wie ich in diesem Moment dachte.

Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe

Vielleicht kennst du solche Situationen selbst.

Du sagst oder tust etwas und für dich ist vollkommen klar, was du damit meinst. Bei deinem Partner kommt aber etwas völlig anderes an.

Gerade bei ADHS kann diese Unterscheidung enorm wichtig sein.

Wenn du eine Absprache vergisst, bedeutet das nicht automatisch, dass dir dein Partner egal ist.

Wenn du während eines Gesprächs abschweifst, bedeutet das nicht automatisch, dass dich das Thema nicht interessiert.

Wenn du etwas nicht erledigst, obwohl du genau weißt, dass es erledigt werden muss, bedeutet das nicht automatisch, dass du davon ausgehst, dass dein Partner es schon machen wird.

ADHS kann Aufmerksamkeit, Organisation und Impulskontrolle beeinträchtigen. Deshalb lässt sich aus einem solchen Verhalten nicht einfach auf einen Mangel an Liebe, fehlendes Interesse oder Gleichgültigkeit schließen.

Trotzdem verschwindet dadurch die Wirkung auf deinen Partner nicht.

Wenn du eine Aufgabe vergisst, muss sie möglicherweise jemand anderes übernehmen. Wenn dein Partner dir etwas Wichtiges erzählt und du gedanklich abschweifst, kann er sich trotzdem nicht gesehen oder nicht ernst genommen fühlen.

ADHS kann eine Erklärung sein. Aber die Erklärung macht die Folgen für deinen Partner nicht automatisch kleiner.

Und genauso wenig ist ADHS eine Universalentschuldigung.

Wenn du deinen Partner verletzt, bleibt die Verletzung bestehen – auch wenn du sie nicht beabsichtigt hast. Wenn du im Streit etwas Verletzendes sagst, wird es nicht dadurch weniger verletzend, dass deine Emotionen in diesem Moment schwer zu regulieren waren.

Ein starkes Gefühl darf da sein.

Verletzendes Verhalten braucht trotzdem eine Grenze.

Das gilt für beide Seiten.

Manchmal sind wir füreinander wie Aliens

Vielleicht kennst du auch das Gefühl, von deinem Partner einfach nicht verstanden zu werden.

Aber vermutlich geht es deinem Partner manchmal ganz genauso mit dir.

Wenn ein Mensch mit ADHS und ein neurotypischer Mensch zusammenleben, können zwei ziemlich unterschiedliche Arten aufeinandertreffen, die Welt wahrzunehmen.

Wie soll jemand wirklich nachempfinden, wie sich etwas anfühlt, das sein eigenes Gehirn völlig anders erlebt?

Für einen neurotypischen Partner kann es schwer vorstellbar sein, wie es sich anfühlt, wenn Geräusche, Gedanken und andere Reize gleichzeitig um deine Aufmerksamkeit kämpfen.

Oder warum dieses vermeintlich einfache „Mach doch schnell noch …“ überhaupt nicht schnell und einfach ist.

Aber umgekehrt gilt dasselbe.

Wenn du ADHS hast, kannst du dir vielleicht kaum vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn es im Kopf einfach ruhig ist.

Eine Aufgabe zu unterbrechen, etwas anderes zu erledigen und später wieder dort weiterzumachen.

Natürlich kannst du solche Dinge auch mit ADHS. Aber manches, was für andere selbstverständlich erscheint, kann dich enorme Anstrengung kosten.

Und dann sagt der eine:

„Mach doch einfach kurz das andere und danach weiter.“

Während der andere denkt:

„Warum verstehst du nicht, dass dieses ‚einfach kurz‘ für mich überhaupt nicht einfach ist?“

Manchmal seid ihr füreinander vielleicht tatsächlich ein bisschen wie Aliens.

Aber vielleicht müsst ihr das Erleben des anderen gar nicht vollständig nachvollziehen können.

Vielleicht reicht zunächst:

Du musst nicht fühlen können, was dein Partner fühlt, um anzuerkennen, dass es für ihn real ist.

Und das gilt in beide Richtungen.

Wenn dein Partner deinen Tag gar nicht sehen kann

Bei unserem Streit gab es noch eine weitere Ebene, die mir erst später bewusst wurde: Meine Frau wusste gar nicht unbedingt, was ich an diesem Tag alles erledigt hatte.

Warum? Weil ich es ihr nicht erzählt hatte.

Und manchmal ist genau das mit ADHS gar nicht so einfach. Ich kann den ganzen Tag beschäftigt sein, von einer Sache zur nächsten springen und am Abend selbst kaum noch rekonstruieren, was ich eigentlich alles gemacht habe.

Wie soll mein Partner wissen, was in meinem Leben passiert, wenn ich selbst einen Teil davon schon wieder vergessen habe?

Das ist aber keine Ausrede, nicht miteinander zu sprechen. Im Gegenteil: Dann brauche ich vielleicht eine Strategie dafür.

Eine ganz einfache Möglichkeit: Leg dir ein Blatt neben dich und notiere in Stichworten, was du erledigt hast. Nicht, damit du deinem Partner am Abend beweisen kannst, wie fleißig du warst. Sondern damit ihr miteinander sprechen könnt – und damit du selbst siehst, was du geleistet hast.

Vielleicht stellst du dann fest:

„Wow, ich habe heute richtig viel geschafft.“

Oder auch:

„Okay, das war tatsächlich eine Menge. Vielleicht brauche ich jetzt erst mal eine Pause.“

Manchmal hilft so eine kleine Liste also nicht nur der Kommunikation mit deinem Partner, sondern auch dabei, die eigene Leistung überhaupt wahrzunehmen.

Denn der andere kann nicht sehen, was in deinem Kopf und in deinem Tag passiert. Sprecht darüber.

Wenn aus einer Kleinigkeit plötzlich etwas ganz Großes wird

Kommunikation findet aber nicht nur auf der Sachebene statt.

Bei Erwachsenen mit ADHS können Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation hinzukommen. Gefühle können schnell sehr intensiv werden. Es kann schwerfallen, Abstand zu gewinnen und wieder herunterzukommen.

Vielleicht kennst du das aus einem Streit.

Eigentlich beginnt alles mit einer Kleinigkeit.

Einer vergessenen Aufgabe.

Einem falschen Satz.

Einer genervten Reaktion.

Und wenige Minuten später diskutiert ihr über eure gesamte Beziehung.

Früher wäre eine Situation wie die oben beschriebene bei mir wahrscheinlich wesentlich schneller eskaliert. Heute gelingt es mir deutlich besser, meine Emotionen wahrzunehmen und nicht unmittelbar auf jeden Impuls zu reagieren.

Aber auch heute können mich Dinge stark treffen.

Ein Satz über eine konkrete Situation kann sich plötzlich wie eine grundsätzliche Kritik an meiner Person anfühlen.

Der häufig verwendete Begriff RSD – Rejection Sensitive Dysphoria beschreibt solche Erfahrungen von starker Zurückweisungsempfindlichkeit. RSD ist allerdings keine eigenständige gesicherte medizinische Diagnose.

Dein Partner sagt vielleicht:

„Mich nervt, dass du diese Aufgabe schon wieder vergessen hast.“

Gemeint ist möglicherweise genau diese Aufgabe.

Bei dir kommt aber an:

„Du bekommst überhaupt nichts auf die Reihe.“

Und innerlich wird daraus vielleicht sogar:

„Ich bin nicht gut genug.“

Dann diskutieren irgendwann nicht mehr zwei Menschen über eine vergessene Aufgabe.

Dann sprechen beide längst über völlig unterschiedliche Dinge.

Partnerschaft bedeutet auch Verantwortung

ADHS zeigt sich nicht nur in Gesprächen und Gefühlen, sondern mitten im Alltag.

Einkaufen. Termine. Kinder. Wäsche. Rechnungen. Haushalt. Verabredungen.

Und zu einer Aufgabe gehört häufig viel mehr als die eigentliche Tätigkeit.

Beim Einkaufen muss beispielsweise jemand feststellen, was fehlt, überlegen, was gebraucht wird, vielleicht Mahlzeiten planen, die Dinge besorgen und anschließend wegräumen.

Dieser unsichtbare Teil einer Aufgabe kann in einer Partnerschaft mindestens genauso relevant sein wie die sichtbare Tätigkeit selbst.

Schwierigkeiten mit Organisation oder Erinnern bedeuten deshalb nicht, dass dein Partner automatisch zu deinem persönlichen Projektmanager werden sollte.

Genauso wenig müssen aber beide zwangsläufig alles auf exakt dieselbe Weise und zu exakt gleichen Teilen erledigen.

Vielleicht ist die bessere Frage:

Was kannst du zuverlässig übernehmen – und welche Bedingungen brauchst du, damit es funktioniert?

Gemeinsame Kalender, Erinnerungen am richtigen Ort oder klar definierte Zuständigkeiten können helfen.

Entscheidend ist, dass daraus ein gemeinsames System entsteht – und nicht eines, das am Ende wiederum nur einer verwalten muss.

Wie viel ADHS verträgt eine Partnerschaft?

Ich beschäftige mich sehr viel mit ADHS.

Nicht nur beruflich.

Ich lebe jeden einzelnen Tag damit.

Natürlich beschäftigt mich das.

Aber meine Partnerin möchte nicht ausschließlich eine Beziehung zu meinem ADHS führen.

Gleichzeitig kann ich diesen Teil meines Lebens auch nicht einfach ausblenden.

Genau darin liegt für mich dieser schmale Grat:

Wie viel Raum darf ADHS in einer Partnerschaft bekommen?

Vielleicht geht es gar nicht darum, ADHS möglichst klein zu machen.

Sondern darum, gemeinsam herauszufinden, welchen Platz es in der Beziehung bekommen darf.

ADHS darf erklären.

Es darf manchmal nerven.

Es darf Thema sein.

Aber es darf nicht automatisch jede Auseinandersetzung erklären und auch nicht die gesamte Partnerschaft bestimmen.

Denn eure Beziehung besteht aus sehr viel mehr als den Momenten, in denen ADHS Probleme verursacht.

Was schätzt ihr aneinander?

Was funktioniert zwischen euch längst gut?

Und wovon möchtet ihr vielleicht wieder etwas mehr in euren Alltag holen?

Gerade wenn Konflikte viel Raum einnehmen, kann man schnell vergessen, dass eine Beziehung nicht ausschließlich aus den Dingen besteht, die gerade schwierig sind.

Kann ich mit ADHS also eine gute Partnerschaft führen?

Ich glaube inzwischen: ja.

Aber nicht, indem ich versuche, mich so zu verhalten, als hätte ich kein ADHS.

Und auch nicht, indem ich erwarte, dass meine Partnerin irgendwann vollständig versteht, wie sich mein Gehirn anfühlt.

Vielleicht müssen wir einander auch gar nicht vollständig verstehen.

Vielleicht beginnt gegenseitiges Verständnis damit, anzuerkennen, dass zwei Menschen dieselbe Situation vollkommen unterschiedlich erleben können.

Nachzufragen, statt die Absicht des anderen zu erraten.

Die eigene Wirkung ernst zu nehmen, auch wenn sie überhaupt nicht beabsichtigt war.

Und dem anderen zu glauben, wenn er sagt:

„Für mich fühlt sich das anders an.“

Vielleicht bleiben wir füreinander manchmal ein bisschen Alien.

Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht im selben Kopf leben, um ein gemeinsames Leben führen zu können.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, psychotherapeutische oder sonstige fachliche Beratung.

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