ADHS und Zeit – Wenn Zeit nicht gleich Zeit ist
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Heute ist Montag
Ja, heute ist Montag.
Und nein, ich bin mit meinem Blogartikel nicht zwei Tage zu früh dran.
Ich bin fünf Tage zu spät.
Normalerweise veröffentliche ich meinen Blog mittwochs. Das hat bisher erstaunlich gut funktioniert.
Letzte Woche nicht.
Und irgendwie könnte es für diesen Artikel kaum passender sein.
Denn das Thema lautet: ADHS und Zeit.
Das Titelbild dieses Artikels habe ich übrigens nicht irgendwo im Internet gefunden. Ich habe es selbst fotografiert – auf dem Weg zu meiner ADHS-Coaching-Ausbildung.
An einer Tür entdeckte ich dieses Graffiti: einen deformierten Wecker.
Gefesselt von diesem Bild blieb ich stehen.
Sofort dachte ich an unzählige Momente, in denen ich zu spät gekommen war. Für mich zeigte dieser Wecker etwas, das ich nur zu gut kannte:
Zeit als etwas völlig Abstraktes. Etwas, das sich verformt und irgendwie nie so richtig zu passen scheint.
Dieser deformierte Wecker ließ mich nicht mehr los. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn später beim Vorbeilaufen noch fotografiert habe. Aber irgendwie zog er mich jedes Mal wieder in seinen Bann.
Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass ausgerechnet der Blogartikel über Zeit einmal selbst daran scheitern würde, dass ich meine Zeit nicht realistisch geplant bekomme.
Aber von vorne.
Eigentlich sollte dieser Artikel am Mittwoch erscheinen
Montag war noch ein relativ normaler Tag.
Dienstag war ich geschäftlich in Zürich.
Mittwoch – an dem normalerweise mein Blog erscheint – hatte ich im Kids Camp bei den Hochrheinseglern die Tagesverantwortung. Mein Tag dort ging von 8 bis 21 Uhr.
Danach schrieb ich selbstverständlich keinen Blogartikel mehr.
Donnerstag war ich wieder geschäftlich in Zürich. Freitag war ich morgens in Basel, nachmittags beim Abschluss des Kids Camps und abends noch eingeladen.
Am Freitag bekam ich dann schon die ersten WhatsApp-Nachrichten mit der Frage, ob es denn am Mittwoch keinen neuen Blogartikel gegeben habe.
Ich antwortete:
„Diese Woche war viel los. Ich werde versuchen, den Artikel bis Ende der Woche fertigzustellen. Dann gebe ich euch Bescheid, wenn er fertig ist.“
Und genau hier wird es interessant.
Denn in diesem Moment war ich überzeugt:
Das bekomme ich noch hin.
Statt festzustellen:
„Okay, Mittwoch ist vorbei. Mit dem Artikel hat es nicht geklappt. Dann gibt es diese Woche eben keinen neuen Blogartikel.“
setzte ich mir einfach die nächste Deadline:
Bis Ende der Woche.
Ein Blick in meinen Kalender hätte gereicht, um zu erkennen, wie unrealistisch das war.
Samstag war ich mit meinem jüngeren Sohn beim Fußball und hatte anschließend den ganzen Tag beide Kinder, weil meine Frau unterwegs war.
Sonntag war ich mit meinem Großen den ganzen Tag auf einem Fußballturnier und anschließend ging es direkt weiter zu einer Familienfeier.
Wo genau sollte dieser Blogartikel also noch entstehen?
Die Termine kamen nicht überraschend. Sie standen fest.
Rückblickend gab es eigentlich nur eine vernünftige Gelegenheit, den Artikel zu schreiben:
Montag.
Aber ich hatte meine Woche nicht als Ganzes betrachtet. Und als der Mittwoch vorbei war, tat ich es wieder nicht.
Ich war einfach überzeugt:
Irgendwo bekomme ich das noch rein.
Habe ich nicht.
Heute ist Montag.
Und ihr lest gerade den Blogartikel, der eigentlich vergangenen Mittwoch erscheinen sollte.
So viel zum Thema realistische Zeitplanung.
Zeit ist bei ADHS irgendwie anders
Oft wird dafür der Begriff „Time Blindness“, also Zeitblindheit, verwendet.
Damit ist nicht gemeint, dass Menschen mit ADHS überhaupt kein Verständnis für Zeit haben.
Wenn du ADHS hast, weißt du natürlich, was fünf Minuten, eine Stunde oder eine Woche sind.
Schwierig wird es dort, wo du Zeit spüren, einschätzen und in die Zukunft übertragen musst.
1. Zeit vergeht – aber du spürst sie nicht zuverlässig
Vielleicht kennst du das:
Du bist mit etwas beschäftigt und würdest schwören, dass gerade einmal fünf oder zehn Minuten vergangen sind.
Dann schaust du auf die Uhr.
30 Minuten.
Dein Gefühl für die vergangene Zeit hat dir währenddessen keine zuverlässige Rückmeldung gegeben.
Das kann beim Scrollen am Handy passieren, bei der Arbeit, beim Aufräumen oder bei etwas, das dich gerade völlig in seinen Bann zieht.
Wie man Zeit bei ADHS besser sichtbar machen kann, ist allerdings schon ein eigenes Thema – und verdient auch einen eigenen Artikel.
2. Zeit realistisch zu planen ist noch einmal etwas anderes
Und dann gibt es die Zukunft.
Du weißt vielleicht genau, wann ein Termin beginnt. Aber daraus einen realistischen Plan zu machen, ist noch einmal eine völlig andere Aufgabe.
Wann muss ich anfangen? Wie lange brauche ich wirklich? Welche einzelnen Schritte gehören dazu? Wie viel Fahrtzeit brauche ich? Habe ich einen Puffer berücksichtigt?
Gerade wenn schon die Einschätzung von Zeit schwierig ist, ist es alles andere als selbstverständlich, dass diese Rechnung am Ende aufgeht.
Überhaupt so geplant zu haben, dass man rechtzeitig fertig ist und vielleicht sogar noch 15 Minuten Puffer hat, kann bei ADHS schon eine echte Meisterleistung sein.
Auch dieses Thema ist viel zu groß, um es hier nebenbei abzuhandeln.
Realistische Planung bei ADHS bekommt deshalb einen eigenen Blogartikel.
Und selbst wenn diese Planung funktioniert hat, kann noch die nächste Schwierigkeit entstehen: Wie schaffe ich es, tatsächlich rechtzeitig loszugehen? Wie gehe ich mit einem Zeitpuffer um? Und was passiert, wenn ich irgendwo zu früh bin und warten muss?
Auch das ist ein eigenes Thema und verdient einen eigenen Artikel.
Für diesen Artikel möchte ich deshalb an dieser Stelle bewusst einen Schnitt machen.
Denn mein verspäteter Blogartikel ist weder daran gescheitert, dass ich mich nicht rechtzeitig fertig gemacht habe, noch daran, dass ich nicht warten konnte.
Er ist an etwas anderem gescheitert:
Ich habe Zeit, die noch vor mir lag, mit Zeit verwechselt, die mir tatsächlich noch zur Verfügung stand.
Und genau darum soll es jetzt gehen.
Aber warum ist Zeit bei ADHS eigentlich so schwierig?
Unser Zeitgefühl entsteht nicht dadurch, dass irgendwo im Gehirn eine kleine Uhr mitläuft.
Zeit wahrzunehmen ist eine komplexe Leistung. Das Gehirn muss unter anderem Aufmerksamkeit steuern, Informationen im Arbeitsgedächtnis behalten, Zeitspannen einschätzen und das, was gerade passiert, mit etwas verbinden, das erst später passieren wird.
Und mehrere dieser Prozesse können bei ADHS beeinträchtigt sein.
Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit ADHS bei verschiedenen Aufgaben zur Zeitwahrnehmung und Zeitschätzung im Durchschnitt ungenauer sind als Menschen ohne ADHS. Das betrifft nicht jeden Menschen mit ADHS gleich stark.
Es erklärt aber einen Teil dieses merkwürdigen Gefühls:
Du weißt, was 30 Minuten sind. Aber 30 Minuten fühlen sich nicht immer zuverlässig wie 30 Minuten an.
Dazu kommt die Aufmerksamkeit.
Wenn deine Aufmerksamkeit stark auf etwas gerichtet ist, kann die Zeit im Hintergrund verschwimmen.
Und dann kommt etwas hinzu, das für meine Geschichte mit dem verspäteten Blogartikel besonders wichtig ist.
Die Zukunft muss im Jetzt präsent bleiben
Einen Termin im Kalender zu haben und seine Auswirkungen auf deine verfügbare Zeit zu berücksichtigen, sind zwei verschiedene Dinge.
Du kannst wissen:
Mittwoch bin ich verplant. Donnerstag auch. Freitag ebenfalls. Am Wochenende habe ich Termine.
Und trotzdem kann sich der Gedanke:
„Bis Ende der Woche bekomme ich das schon irgendwie hin.“
vollkommen realistisch anfühlen.
Denn dafür müssen die einzelnen zukünftigen Anforderungen gedanklich zusammengebracht werden. Erst daraus ergibt sich, wie viel tatsächlich verfügbare Zeit übrig bleibt.
Hier spielen unter anderem Arbeitsgedächtnis und exekutive Funktionen eine Rolle. Sie helfen dabei, zukünftige Anforderungen präsent zu halten, mehrere Informationen miteinander zu verbinden und das eigene Verhalten danach auszurichten.
Und damit kommen wir zu dem Punkt, der mir beim Schreiben dieses Artikels selbst noch einmal besonders deutlich geworden ist.
Zeit ist nicht automatisch freie Zeit
Gehen wir zurück zu meinem Freitag.
Der Mittwoch war vorbei. Mein Artikel war nicht erschienen.
Aber ich dachte:
Freitag. Samstag. Sonntag. Da ist doch noch Zeit.
Und das war nicht einmal falsch.
Diese Zeit existierte.
Nur habe ich zwei völlig unterschiedliche Dinge miteinander verwechselt:
Zeit, die noch vor mir liegt, und Zeit, die mir tatsächlich noch zur Verfügung steht.
Samstag hatte 24 Stunden.
Sonntag auch.
Aber diese Stunden waren zu einem großen Teil längst verplant.
Und genau dieses Problem begegnet uns nicht nur bei einem Blogartikel.
Vielleicht kennst du eine ähnliche Situation von der Arbeit.
Es ist 14 Uhr und du arbeitest bis 18 Uhr.
Ein Kollege fragt dich:
„Hast du noch Zeit? Könntest du mir damit noch helfen?“
Du schaust auf die Uhr.
14 Uhr.
Feierabend um 18 Uhr.
Vier Stunden.
Klar hast du noch Zeit.
Die Aufgabe selbst kannst du ebenfalls erledigen.
Also sagst du:
„Ja, klar.“
Rein mathematisch stimmt das sogar.
Zwischen 14 und 18 Uhr liegen vier Stunden.
Aber die entscheidende Frage lautet nicht:
„Wie viel Zeit liegt noch vor mir?“
Sondern:
„Wie viel davon ist tatsächlich noch verfügbar?“
Vielleicht musst du vorher noch etwas fertigstellen. Vielleicht hast du ein Meeting. Vielleicht wartet eine andere Aufgabe mit einer Deadline.
Die vier Stunden sind da.
Aber sie sind nicht automatisch frei.
Und genau hier liegt für mich die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels.
Wenn etwas dazukommt: Was kostet mich das?
Etwas Neues kommt dazu und der erste Impuls ist vielleicht:
„Ja klar, das mache ich noch.“
Vielleicht möchtest du helfen. Vielleicht möchtest du zuverlässig sein. Vielleicht möchtest du niemanden enttäuschen.
Aber genau hier lohnt es sich, nicht sofort zuzusagen.
Denn wenn dein Tag oder deine Woche bereits geplant ist, kommt eine neue Aufgabe nicht einfach irgendwo dazu.
Sie kostet etwas.
Und damit meine ich nicht nur Zeit.
Natürlich weiß ich ungefähr, wie lange ich für meinen Blogartikel brauche. Vielleicht zwei Stunden, dieses Mal eher zweieinhalb.
Aber die entscheidende Frage ist nicht:
„Habe ich noch zweieinhalb Stunden?“
Sondern:
„Was kostet es mich, diese zweieinhalb Stunden jetzt noch einzuplanen?“
Denn diese Zeit muss irgendwo herkommen.
Vielleicht bezahle ich dafür mit Zeit mit meiner Familie.
Vielleicht mit Erholung.
Vielleicht verschiebe ich eine andere Aufgabe.
Vielleicht sage ich einen Termin ab.
Vielleicht nehme ich mir die Zeit am Abend und bezahle dafür mit Schlaf.
Eine zusätzliche Aufgabe hat also immer einen Preis.
Und genau deshalb reicht es nicht, in den Kalender zu schauen und irgendwo nach einer vermeintlich freien Lücke zu suchen.
Die wichtigere Frage lautet:
Was mache ich dafür nicht?
Und anschließend:
Bin ich wirklich bereit, diesen Preis zu bezahlen?
Denn auch ein leerer Zeitraum im Kalender ist nicht automatisch verfügbare Zeit.
Vielleicht brauche ich genau diese zwei Stunden zur Erholung. Vielleicht möchte ich sie mit meiner Familie verbringen. Vielleicht brauche ich sie einfach, damit nicht jede Minute meines Tages verplant ist.
Auch diese Zeit hat einen Wert.
Gehen wir noch einmal zurück zu meinem Blogartikel.
Am Freitag dachte ich:
Freitag. Samstag. Sonntag. Da ist doch noch Zeit.
Die bessere Frage wäre gewesen:
„Was kostet es mich, diesen Artikel bis Sonntag noch fertigzustellen?“
Was lasse ich dafür weg?
Zeit mit meinen Kindern?
Das Fußballturnier?
Die Familienfeier?
Meine Erholung?
Und wenn ich feststelle:
Nichts davon möchte oder kann ich dafür eintauschen, dann ist die Antwort eigentlich klar:
Der Artikel kommt diese Woche nicht mehr.
Nicht weil keine Zeit mehr existiert.
Sondern weil diese Zeit bereits einen anderen Wert und eine andere Aufgabe hat.
Vielleicht ist genau das der Realitätscheck, der mir bisher gefehlt hat:
Zeit ist nicht kostenlos.
Wenn ich etwas zusätzlich einplane, bezahle ich dafür mit etwas anderem.
Deshalb möchte ich mir bei einer neuen Aufgabe künftig nicht mehr nur die Frage stellen:
„Kann ich das noch machen?“
Sondern:
„Was kostet mich das – und bin ich bereit, diesen Tausch einzugehen?“
Das löst natürlich nicht alle Schwierigkeiten rund um ADHS und Zeit.
Wie mache ich Zeit sichtbar, wenn ich ihr Verstreichen nicht zuverlässig spüre? Wie plane ich überhaupt so realistisch, dass meine Rechnung am Ende aufgeht? Wie schaffe ich es trotz guter Planung tatsächlich rechtzeitig aus dem Haus? Und wie gehe ich mit der Wartezeit um, wenn ich dann wirklich einmal zu früh bin?
Jedes dieser Themen ist groß genug für einen eigenen Blogartikel – und genau deshalb werde ich sie auch einzeln aufgreifen.
Für heute nehme ich vor allem eine Erkenntnis mit:
„Ich habe noch Zeit“ und „Ich habe dafür noch freie Zeit“ sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Und mein Blogartikel?
Der ist fünf Tage zu spät gekommen.
Aber immerhin hat er mir ziemlich eindrücklich gezeigt, worüber ich eigentlich schreiben wollte.
Und wie ist es bei dir?
Welche Erfahrungen machst du mit ADHS, Zeitgefühl und Planung? Wo liegen deine größten Schwierigkeiten – und was hilft dir dabei?
Schreib es mir gerne in die Kommentare.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, psychotherapeutische oder sonstige fachliche Beratung.